Gesundheitsreform in der Kritik
18.05.2026
Was die aktuellen Veränderungen für Arztpraxen bedeuten
Was passiert eigentlich gerade im deutschen Gesundheitssystem – und was bedeutet die geplante Gesundheitsreform für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte? In der vierten Folge von Wartezimmergeflüster wird diesen Fragen nachgegangen.
Dabei geht es nicht darum, Reformen grundsätzlich abzulehnen. Im Gegenteil. Dass sich im deutschen Gesundheitssystem etwas verändern muss, steht außer Frage. Das Problem liegt vielmehr darin, wie diese Veränderungen umgesetzt werden und an welchen Stellen angesetzt wird.
Ein Gesundheitssystem mit großem Reformbedarf
Die Ausgangslage ist bekannt. Das deutsche Gesundheitssystem steht finanziell unter Druck. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die medizinische Versorgung, während Praxen mit höheren Personal-, Energie- und Betriebskosten sowie immer mehr bürokratischen Aufgaben konfrontiert sind.
In der Podcastfolge wird deshalb zunächst die Frage gestellt, ob die aktuellen Maßnahmen tatsächlich eine grundlegende Reform darstellen. Doch statt die Strukturen des Systems grundlegend zu verändern, liegt der Fokus vor allem darauf, zusätzliche Finanzmittel zu generieren.
Eine nachhaltige Reform müsse jedoch nicht nur fragen, wie mehr Geld in das Gesundheitssystem kommt, sondern auch, warum vorhandene Mittel nicht effizient genug dort ankommen, wo sie gebraucht werden, nämlich bei der Versorgung der Patientinnen und Patienten.
Warum die Finanzierung niedergelassener Praxen zum Problem wird
Ein großer Teil der Folge beschäftigt sich mit der Vergütung im ambulanten Bereich. Eine Entwicklung, die sich über Jahrzehnte aufgebaut hat. Budgetierungen, Pauschalen und immer komplexere Abrechnungssysteme bestimmen zunehmend die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einer Arztpraxis.
Eine Arztpraxis ist gleichzeitig eine medizinische Versorgungseinrichtung und ein Unternehmen. Es müssen Mitarbeitende bezahlt, Räume unterhalten, Technik finanziert und laufende Kosten gedeckt werden. Wenn die Vergütung gleichzeitig begrenzt ist, entsteht ein immer größerer wirtschaftlicher Druck.
Besonders kritisch ist dabei die Diskrepanz zwischen den steigenden Kosten und der Vergütung der ärztlichen Leistungen. Diese Situation ist eine zunehmende Einschränkung der unternehmerischen Freiheit niedergelassener Ärztinnen und Ärzte.
Wie soll eine wohnortnahe ambulante Versorgung langfristig funktionieren, wenn sich der Betrieb einer Praxis wirtschaftlich immer schwieriger darstellen lässt?
Mehr Arbeit, weniger Vergütung?
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Steuerung der Patientenversorgung. Unter anderem sind die Neupatientenregelung, offene Sprechstunden und der Hausarztvermittlungsfall betroffen.
Diese Instrumente in der eigenen orthopädisch-unfallchirurgischen Versorgung haben dazu beigetragen, dringliche Patientinnen und Patienten schneller unterzubringen. Durch die direkte Kommunikation mit Hausärzten und anderen Fachärzten sowie durch offene Sprechstunden konnten akute Fälle gezielt in die Versorgung integriert werden.
Zwischen Bürokratie und Patientenversorgung
Nicht nur die finanzielle Situation belastet viele Praxen. Auch die zunehmende Bürokratie wird in der Folge zum zentralen Thema.
Anfragen an Krankenkassen, Dokumentationspflichten, Formulare und regulatorische Vorgaben binden Zeit und Personal. Zeit, die eigentlich dort eingesetzt werden sollte, wo sie den größten Nutzen hat, nämlich bei der Behandlung von Patientinnen und Patienten.
Die Bürokratie ist deshalb nicht lediglich als lästig, sondern als strukturelles Problem. Denn jede zusätzliche administrative Aufgabe bedeutet auch, dass weniger Kapazität für die eigentliche medizinische Versorgung zur Verfügung steht.
Dabei entsteht ein Kreislauf: Steigende Kosten treffen auf begrenzte Einnahmen, gleichzeitig wachsen die administrativen Anforderungen. Für Arztpraxen wird es dadurch zunehmend schwieriger, ausreichend Spielraum für Personal, Investitionen und eine gute Patientenversorgung zu behalten.
Was passiert mit der wohnortnahen Versorgung?
Eine der größten Sorgen betrifft die Zukunft der ambulanten und wohnortnahen Versorgung.
Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte übernehmen einen wesentlichen Teil der medizinischen Versorgung außerhalb der Krankenhäuser. Wenn der wirtschaftliche Druck auf Praxen jedoch weiter zunimmt, könnte das langfristig Auswirkungen darauf haben, welche Praxen bestehen bleiben, wo sich neue Ärztinnen und Ärzte niederlassen und wie schnell Patientinnen und Patienten Termine bekommen.
Die GOÄ und die Vergütung privatärztlicher Leistungen
Die Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) bildet die Grundlage für die Abrechnung privatärztlicher und bestimmter selbst zu zahlender Leistungen.
Jedoch könnten die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die steigenden Kosten nicht ausreichend berücksichtigt werden. Gleichzeitig könnten Veränderungen bei der Vergütung Auswirkungen darauf haben, wie Praxen ihre Leistungen insgesamt finanzieren.
Die Finanzierung verschiedener Bereiche der ambulanten Versorgung ist in der Realität miteinander verbunden. Veränderungen bei einer Vergütungsart könnten deshalb auch Auswirkungen auf die gesamte wirtschaftliche Situation einer Praxis haben.
Warum Bürokratie nicht auf Kosten der Medizin gehen darf
Steigender Verwaltungsaufwand, wirtschaftlicher Druck und immer neue Vorgaben wirken sich nicht nur auf Praxisinhaber aus. Sie betreffen auch medizinische Fachangestellte, Ärztinnen und Ärzte und können letztlich Auswirkungen auf die Patientinnen und Patienten haben.
Wenn weniger Zeit für die Behandlung zur Verfügung steht, Wartezeiten steigen oder Investitionen schwieriger werden, wird aus einem Problem der Finanzierung irgendwann ein Problem der Versorgung.
Eine Reform sollte nicht lediglich Kosten verschieben oder Einnahmen reduzieren, sondern die Strukturen des Gesundheitssystems nachhaltig verbessern.
Zweiklassenmedizin als mögliche Folge?
Besonders deutlich wird die Kritik gegen Ende der Folge. Die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass sich die Unterschiede zwischen gesetzlich und privat versicherten Patientinnen und Patienten weiter verstärken könnten.
Wenn Praxen aufgrund wirtschaftlicher Rahmenbedingungen weniger Kapazitäten zur Verfügung haben, könnten Wartezeiten und Zugang zur Versorgung stärker davon abhängig werden, wie eine Behandlung finanziert wird.
Die Situation ist bisher durch eine Querfinanzierung verschiedener Bereiche des Systems abgefedert worden. Wenn diese Spielräume weiter zurückgehen, könnte sich die Situation verändern.
Was müsste sich ändern?
Eine wirkliche Reform müsste unter anderem bei der Finanzierung, der Transparenz und den Rahmenbedingungen der ärztlichen Tätigkeit ansetzen.
Dazu gehören drei zentrale Punkte:
gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit
eine Stärkung der freiberuflichen Tätigkeit
mehr Transparenz darüber, wohin die Beitragsgelder tatsächlich fließen
Vor allem müsste das Geld dort ankommen, wo die medizinische Versorgung tatsächlich stattfindet: in Arztpraxen, Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und so weiter.
Gesundheitsreform betrifft uns alle
Die Diskussion über die Gesundheitsreform mag auf den ersten Blick nach einem Thema für Politik, Krankenkassen und Ärztliche Selbstverwaltung klingen. Tatsächlich betrifft sie jedoch jeden, der auf medizinische Versorgung angewiesen ist.
Denn hinter Begriffen wie Budgetierung, Vergütung, Bürokratie, GOÄ oder Neupatientenregelung stehen ganz konkrete Fragen: Wie schnell bekomme ich einen Termin? Wie viel Zeit bleibt für meine Behandlung? Kann eine Praxis langfristig bestehen? Und wie sieht die ambulante Versorgung in einigen Jahren aus?
Fabian von Bergen spricht hier nicht aus einer politischen Perspektive, sondern aus dem Alltag einer niedergelassenen orthopädischen und unfallchirurgischen Praxis.
Und vielleicht ist genau das der interessante Punkt. Eine Gesundheitsreform lässt sich nicht nur auf dem Papier betrachten. Ihre Auswirkungen zeigen sich letztlich dort, wo Ärztinnen und Ärzte jeden Tag versuchen, Patientinnen und Patienten zu versorgen.
Was bedeutet die aktuelle Gesundheitsreform für Arztpraxen? Warum sorgt die Vergütung für so viel Kritik? Und welche Veränderungen wären aus Sicht eines niedergelassenen Facharztes tatsächlich notwendig?
Jetzt reinhören und mitdiskutieren.
